Töpferwanderreise auf Kreta - Begegnung mit den Meistern des Großdrehens

Über zwanzig Jahre ist es her, dass mich ein Symposium unter Gustav Weiß zu Ostern nach Kreta führte. Eine Reise, die mein Leben verändern sollte. Das war ganz zu Beginn meines keramischen Weges in den ersten Monaten meiner Ausbildung.
Kaum zurück aus Kreta dudelte aus dem Kassettenrecorder an meinem Scheibenplatz in Niederbayern nur noch die kretische Lyra. Die gleiche Kassette wieder und wieder: ich war infiziert vom Kretafieber.
Da es sich um einen ungewöhnlichen Klang handelte, musste ich nicht lange warten, bis mir meine Meisterin ein überraschendes und gleichwohl verlockendes Angebot machte: "Möchtest du das zweite Lehrjahr in einer Werkstatt auf Kreta verbringen?" Was für eine Frage! Mit fl iegenden Fahnen brach ich auf. Nach bestandener Gesellenprüfung
zog es mich direkt wieder gen Süden. Kreta, diese außergewöhnliche Insel, die Keramik und die Bewohner hielten mich im Bann. So sehr, dass ich gleich einige Jahre auf der Insel zubrachte.

In den Neunzigern kehrte ich nach Deutschland zurück und gründete im Münsterland meine eigene Werkstatt. Doch meine Sehnsucht nach Kreta kam nicht zur Ruhe. Als glückliche Fügung wurde mir eine Tätigkeit als Reiseleiterin angeboten, die mich wiederum nach Kreta führte. Nach einigen Jahren gründete ich dann mein eigenes kleines
Wanderbüro, welches mir nun, neben der Tätigkeit als Keramikerin, Gelegenheit gibt, auf der geliebten Insel zu sein. Im Frühjahr dieses Jahres konnte ich zum ersten Mal meine beiden Leidenschaften – das Töpfern und das Wandern - in der Durchführung einer Töpferwanderreise zusammenführen. Dank meiner langjährigen Aufenthalte kenne ich Land und Leute inzwischen wie meine Westentasche. Durch meine Sprachkenntnis sind sehr persönliche Gespräche mit den Töpfern möglich Kreta als uraltes Kulturland blickt auf eine reiche keramische Vergangenheit
zurück. Hier schlummert ein Schatz keramischen Schaffens, der hierzulande fast unbekannt ist, unberechtigter
Weise mit "Gartenkeramik" assoziiert und von den Kretern selbst gering geachtet. Grund genug, mich mit dem Abstand einiger Jahre noch einmal - diesmal unter anderen Vorzeichen - der Töpferwelt auf der größten griechischen Insel anzunähern. Der folgende Bericht beschreibt meine Begegnungen mit kretischen Töpfern im Frühjahr 2007.

Rote Erde und silbrige Olivenbäume, darunter ein saftiges Grün. Gelb blühen Ginster und Margariten in üppiger Fülle. In der Ferne leuchten die schneebedeckten Gipfel des Ida Gebirges. Die Fahrt geht durch urige Landschaft und kleine Orte. Streiflichter dörflichen Lebens fliegen vorbei. Eine Frau treibt ein paar Ziegen die Straße entlang, gegenüber werden Jutesäcke mit frisch geernteten Oliven verladen. Wir fahren durchs Binnenland Richtung Margarites, einem Töpferort mit Tradition, deren Grundlage natürliche Tonvorkommen sind.
Schon am Ortseingang locken die ersten Werkstätten mit bunt glasierter Keramik für den touristischen Bedarf. Die Maulbeerbäume auf dem Dorfplatz sind noch winterlich kahl. Spatzen tschilpen. Im Kafenion sitzen ein paar einheimische Gäste und spielen Karten. Es ist ruhig, der Duft von Holzfeuer liegt in der Luft. Ein schwarzer chromblinkender Pickup, von einem Halbstarken gesteuert, rast über den Dorfplatz und reißt mich aus der Idylle.
Wir gehen die Dorfstraße hoch und erkennen die Werkstatt auf den ersten Blick. Wohltuend hebt sich das liebevoll im alten Stil errichtete Gebäude von den übrigen neu errichteten Häusern ab, bei deren Bau der moderne Grieche auch gern mal zum Betonmischer greift... Bretter mit frisch gedrehter Ware stehen zum Trocknen in der Sonne. Wir sind verabredet. Lachend empfängt uns Jorgos Dalamvélas, trocknet sich flüchtig die tonverschmierten Hände und führt uns in seine Werkstatt. Jorgos hat sich als engagierter Vollblutkeramiker bereit erklärt, uns mit der örtlichen Keramik vertraut zu machen. Wie die meisten Töpfer im Ort blickt auch er auf eine lange Familientradition im Töpferhandwerk zurück. Deutlich heben sich seine Arbeiten von den grell glasierten Sonnen, Delphinen u.ä. der benachbarten Läden ab, die vorwiegend für Tagesbesucher hergestellt werden.
Jorgos Dalamvélas kommt ganz ohne Glasuren aus. Alle Oberflächen werden im lederharten Zustand mit einem Kiesel poliert. Die spezielle Massezusammensetzung macht es möglich, dass trotz niedriger Brenntemperatur ein Scherben von hoher Gebrauchsqualität entsteht. Mit klaren modernen Formen in Kombination mit der alten Engobemalerei
hält er den Geist des kretischen Gebrauchsgeschirrs wach. Ein altes Muster, das mit dem dreibüschligen Ziegenhaarpinsel, dem "Plokós", aufgetragen wird, ist vor allem die stilisierte Margarite, die typisch ist für den Ort und nur hier als lokales Erkennungszeichen verwendet wird.
Vorsichtig und respektvoll erlaubt sich Jorgos eigene Interpretationen, die sich unaufdringlich und harmonisch
dazu gesellen.
So wie viele Werkstätten bereitet auch er seinen Ton selbst auf. Die Erde gräbt er an verschiedenen Stellen in den nahen Bergen - eine für den Fertigmassen gewohnten Europa-Normal-Töpfer aufwändig erscheinende Prozedur, da die Erde gesiebt und geschlämmt werden muss, bis eine drehbare Masse entsteht. Die letzte Schlämmung macht
Jorgos nur für seine feine Ware. Größere Stücke werden aus einer gröberen Masse gedreht. Die graue, stark graphithaltige Masse brennt bereits bei 980 Grad dicht. Nur einmal im Jahr nimmt er sich dafür Zeit und legt sich einen Vorrat von ca. 1 Tonne an, aus der er dann im Laufe des Jahres sein poliertes Gebrauchsgeschirr
fertigt.
Schon von weitem sieht man die großen Pithoi, diese riesigen Vorratsgefäße, auf dem Werkstattgelände stehen. Auf dem Hof steht noch die Reihe der alten handbetrieben Scheiben, die zum Drehen der Pithoi benutzt wurden. Heute dreht Herr Kavgalakis an einer umgebauten Shimpo-Scheibe. Das Betriebsgelände ist übervoll von Pithoi unterschiedlicher Größen, fertig für den Export.
Die Nachfrage aus Europas Gärten hat den kretischen Vorratsgefäßen eine Zukunft beschert, die noch vor wenigen Jahren verloren schien. Zusammen mit Jorgos besuchen wir Manolis Syrigopoulos (Jahrgang 1925), den legendären Altmeister des Ortes. Der Weg führt vorbei an verschiedenen Ruinen historischer Brennöfen und Töpfereien, die
fast sämtlich verfallen sind, da es sich um Privateigentum handelt und man mit der "Archäologie" nicht allzu viel zu tun haben möchte. Auf solch geschichtsträchtigem Boden kommt es immer wieder zu Enteignungen, wenn schützenswerte Altertümer auf einem Grundstück entdeckt werden. Die praktischen Bedürfnisse des Alltags sind den Besitzern wichtiger, als die fragwürdige "Ehre", Denkmalgeschütztes zu besitzen. So finden sich in manchem Gemäuer Kaninchenställe, wo exemplarisch die Töpfertradition demonstriert werden könnte. Der interessierte Besucher sucht vergeblich nach Informationen über diesen besonderen Teil der Geschichte von Margarites. Am Dorfplatz befindet sich ein kleines Museum zur Keramik des Ortes, doch ich fand es zu keinem Zeitpunkt geöffnet.
In einem unscheinbaren Trockensteinbau am Ortsausgang befindet sich ein Relikt des Handwerks. Archaisch mutet das Keramion – wie man eine Töpferei auf Griechisch nennt an.
Wir haben Glück: das Fenster ist geöffnet, Manolis bei der Arbeit. Völlig ohne Elektrizität arbeitet der 82 jährige noch immer fast jeden Tag an der Schubscheibe. Hier entstehen Gefäße in bäuerlicher Formensprache. Geläutert durch die jahrzehntelange Wiederholung und durch den Rhythmus der Fußscheibe atmen sie eine Lebendigkeit, die aus dem "nicht wollen" wächst. Hier ist die Zeit stehen geblieben.
Manolis arbeitet völlig unbeeinflusst von den Auswüchsen der Souvenirproduktion. Der Meister ist gealtert und mit ihm die Werkstatt, die sich in all den Jahren tapfer den Neuerungen verweigerte. Da ist das windschiefe Tischchen, das schon bei meinem Besuch 1985 fast umzufallen drohte. Es steht noch immer. "Pock, Pock, Pock" - hart klingt
der Kiesel auf dem Scherben. So schlicht bekommen wir demonstriert, wie hart der Scherben ist, obwohl nur bei 980 Grad gebrannt. Stolz blättert Manolis in einem tonverkrusteten Reiseführer. Nach und nach kommen eine ganze Reihe von Fotos und Presseberichten mit seinem Konterfei zu Tage, die wir entsprechend würdigen: ein  Keramikerleben im Blick der Besucherkamera…

Dabei schweift der Blick in der nur von kleinen Fenstern erhellten Werkstatt umher. Einfache Stöcke in die Ritzen der unverputzten Wände gesteckt, bilden die Regale. Alles scheint einzig aus Gewohnheit zusammenzuhalten. (Nie dachte Manolis daran, etwas zu ersetzten oder zu "verbessern". Wie so oft im Süden benutzt man die Dinge, solange
sie ihren Dienst tun und so manch Improvisiertes zeigt einen Hang zu erstaunlicher Beständigkeit. Etwas auszutauschen, nur weil es alt ist, dies ist eine Mentalität, die hier erst allmählich um sich greift.) Wasserkrüge, Öllampen, Blumentöpfe und natürlich die berühmten Vexiergefäße wie der "Becher der Gerechtigkeit" und das "Marjoliko", bei dem verschiedene Löcher zugehalten werden müssen, damit der Benutzer letztlich trinken kann…
Nach Gruppen getrennt stapelt sich die fertige Ware auf dem Boden aus gestampfter Erde und blankem Fels. Nachlässig sind Henkel und Tüllen montiert, überall die Fingerspuren des Töpfers. Töpfe von großer Ästhetik. Alles im Holzofen gebrannt und oft versehen mit Spuren, die die Kraft des Feuers zeigen. Er führt uns hinter die  Werkstatt.
Wir sehen den alten Ofen und daneben den neuen, den er als einziges Zugeständnis an die schwindenden Kräfte kleiner gebaut hat. Weiter hinten finden sich Berge der beiden Erden, die gemischt werden und die dazugehörenden Schlämmbecken in den blanken Fels gehauen.
Hätte es in Europa je eine Strömung vergleichbar der japanischen Mingei Bewegung gegeben, Menschen wie Meister Manoli wären zum "lebenden Staatsschatz" erklärt worden. Unter den Teilnehmern war auch Reimar Krüger, ein Anagama Töpfer aus Sachsen – mit ihm philosophierten wir vor so manchem historischen Topf über diesen Aspekt. Gute Keramik kann eben auch entstehen aus der Absichtslosigkeit einfacher Menschen, die hier große Handwerker sind.
Beeindruckt und etwas sprachlos stehen wir in der schon kräftigen Frühlingsonne. Jorgos schält eine Apfelsine - so einfach kann das Leben sein.
Zum weiteren Reiseablauf gehörten ein Workshoptag in Margarites, eine Fahrt ins Töpferdorf Thrapsano mit verschiedenen Werkstattbesuchen und natürlich einige Wanderungen in der Umgebung , die uns auf alten Maultierpfaden immer wieder auch Scherben finden ließen. Mein großer Dank gilt an dieser Stelle Jorgos Dalamvélas für seine Gastfreundschaft und unermüdlichen Einsatz während der ganzen Zeit, sowie allen Töpfern, die uns
bereitwillig Auskunft gaben und das Gefühl, willkommen zu sein bei Kollegen. Diese Reise wird im April 2008 wieder durchgeführt werden.

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